Rückreise 6.1. - 31.1.2025
Lebensgefährlich
Einen Bericht über unsere ersten Tage auf Lanzarote mit der Überschrift „Lebensgefährlich“ zu beginnen, ist ganz schön reisserisch. Aber es hat eine gewisse Logik.
Wir sind zum sechsten mal auf der Insel. Wir kennen sie wirklich gut. Alles ist so, wie wir es lieben. Die karge Landschaft mit den Affenpalmen, die sich ihren Weg zwischen Steinen ans Licht bahnen, die dunkle Vulkanlandschaft, der herrliche Fisch in unseren Lieblingslokalen, die schönen Wanderungen, und sogar unseren bevorzugten Standplatz für woMAN haben wir wieder.
Wir wissen, dass jedes Jahr mehr als 70 Touristen im offenen Meer vor den Kanarischen Inseln ertrinken. Etliche davon auch in Charcos, den hübschen Natur-Schwimmbecken, die vom Atlantik gespeist werden. Bei starkem Wind sind die nämlich gar nicht so friedlich.
Dass hohe Wellen über die Mauer ins Becken schlagen, haben wir schon oft erlebt. So hohe allerdings nicht. Das Foto unten zeigt diese gewaltigen Wellen nicht, denn als die kamen, waren wir im Becken. Das Gefühl, von so einer Wassermasse erfasst auf den Boden gezogen und gegen eine Mauer aus spitzem Vulkangestein geschleudert zu werden, ist grausig. Da hilft keine Kraftanstrengung mehr. Als sich das Wasser zurückzieht, sehen wir eine Chance aus dem Becken zu klettern, aber dann hören wir das Tosen, das sich nähert und schon ist die nächste Welle da. Wieder werden unsere Körper zum Spielzeug der Wasserkraft, danach schaffen wir es an Land. Dass wir dabei über die scharfen Zacken der Vulkansteine klettern müssen, spüren wir da gar nicht.
Wir kommen mit Abschürfungen und blauen Flecken davon. Am nächsten Tag sind wir Dorfgespräch. Freundliche Dorfbewohner erzählen uns davon, wie ihnen Ähnliches passiert ist. Wir kommen uns trotzdem wie die letzten Deppen vor. Immerhin: Dazugelernt haben wir.
Der Mann aus der Republik Côte d'Ivoire
Über fast 20 Kilometer führt der Weg dem Meer entlang. Nur sehr selten trifft man auf andere Wanderer oder einen Fischer, der hier sein Glück versucht. Wir wandern an einer kleinen Saline vorbei, das nächste Dorf ist weit.
Ein grünes Ding auf einem Stein am Wegrand erregt unsere Aufmerksamkeit. Da liegt ein Pass, aufgeweicht von Meerwasser. Sein Besitzer wird heuer dreißig Jahre alt. Ich nenne ihn hier Mamadou.
Mamadou kommt aus der Republik Côte d’Ivoire und ist von Beruf Chauffeur. Ob er seinen 30. Geburtstag tatsächlich feiern kann, wissen wir nicht. Er ist vermutlich, so wie zehntausende andere mit einem Boot von Mauretanien aus aufgebrochen. Vielleicht ist er auch von Senegal aus gestartet. Ob er Lanzarote erreicht hat, wissen wir nicht. Mehr als 9700 Flüchtlinge und Migranten sind im vergangenen Jahr auf dieser gefährlichten Route über den Atlantik gestorben. Knapp 60.000 sind auf den Kanarischen Inseln angekommen. War Mamadou einer von ihnen? Wir wissen es nicht.
Die Stelle war gut gewählt. Hier ist geht es flach an Land, die Küste ist nicht so steil und schroff wie sonst oft auf Lanzarote. Aber bei starkem Wind kann es für ein Schlauchboot, voll mit Flüchtlingen auch hier gefährlich werden. Vielleicht hat es Mamadou an Land geschafft. Vielleicht hat er seinen Pass danach weggeworfen, weil er aus irgendeinem Grund seine Herkunft verschleiern will. Vielleicht hat er ihn einfach verloren, als er aus dem Boot ins Wasser gestiegen oder gesprungen ist, um an Land zu kommen. Vielleicht kann Mamadou heuer seinen 30. Geburtstag feiern.
Den Pass des Ivorers, dem ich hier den Namen Mamadou gegeben habe, haben wir auf dem Stein zurückgelassen. Wer auf den Kanaren mit dem Auto oder dem Bus unterwegs ist, fährt vermutlich irgendwann einmal an einem der Flüchtlingslager vorbei, die es hier gibt. Wer am Meer in der Sonne liegt, kann gelegentlich einen Hubschrauber beobachten, der die Küste nach Flüchtlingsbooten absucht. Kann wissen, was hier geschieht.
Magnus Brunner, der österreichische EU-Kommissar für Innere Angelegenheiten und Migration hat im Jänner mit dem Regierungschef der Kanaren, Fernando Clavijo, gesprochen, weil die Regionalregierung überfordert ist. Brunner meinte im Februar, „Wir müssen wachsam bleiben und die Herausforderungen angehen, die auf allen Routen auftreten."
4740 Ankünfte auf den Kanaren wurden allein in diesem Jänner verzeichnet.
Nach dem Regen
Temperaturen um die 21 Grad, manchmal mehr Wind, manchmal weniger. Frühling eben, so wie meist auf den Kanaren. Wenn es weniger geregnet hat, ist Lanzarote braun, zum Teil schwarz mit ein paar grünen Tupfern. Nach Regen schaut die Landschaft wie frisch geputzt aus, weil das Wasser Sand und Staub von Pflanzen und Steinen gewaschen hat. Und manchmal wird es auch richtig grün.
Dieses Jahr ist der Regen sehr ergiebig. Samt Hagel und Sturm. Und dort, wo vorher trockene Erde war, fließen Bäche aus Schlamm. Ausgerechnet beim heftigsten Wolkenbruch sind wir zu Fuß unterwegs. Unsere Schuhe brauchen Tage um zu trocknen.
Einen Tag später treten wir überraschend die Heimreise an. Zwei Monate früher als geplant. Wir werden zu Hause gebraucht.